Kanutour auf dem Vittangiälv

Erster Tag

Es ist Mitte August und in diesem Jahr haben wir mit viel Regen und Wind zu kämpfen. Doch seit gestern meint es Lappland gut mit uns - die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel und wir freuen uns bei einem deftigen Frühstück mit Eiern und Speck auf die vor uns liegenden Tage und die aufregenden Stromschnellen. Wir, das bin ich mit meiner Familie (Sabine, Katharina und Fabian, sowie die Hunde Dolly und Allison) - außerdem mit dabei sind mein Neffe Michael mit seinem Freund Kay, der im übrigen das erste Mal in Nordskandinavien ist.
Nun, nachdem alles gepackt ist, machen wir uns auf, um zum Campingplatz in Vittangi zu fahren, wo wir unsere Fahrzeuge abstellen und uns unsere Leihkanus abholen. Die Leute dort haben einen gut ausgeprägten Humor, denn als ich frage ob wir gleich heute bezahlen sollen antworten sie uns "Nein, erst wenn ihr wieder zurück seid - d.h. falls ihr zurückkommt" - das lässt uns noch mehr auf interessante Abenteuer hoffen. Mit einem alten Ford Transit , samt Anhänger der mit 2 Kanus beladen ist, geht die Fahrt über eine gut ausgebaute Strasse Richtung Norden, bis wir unvermittelt auf eine Schotterpiste abbiegen. Viele Kilometer fahren wir über diese wirklich üble Strecke und der Magen fängt schon langsam an zu rebellieren - aber es sollte noch viel schlimmer kommen. "Wo will der denn jetzt hin?" fragen wir uns, als wir abermals abrupt abbiegen und über "mächtige" Felsbrocken, die das Auto noch gerade so verdaut , Richtung Fluss schleichen. Die Hoppelei wird allmählich ungemütlich, als wir urplötzlich Wasser vor uns sehen und unser Fahrer eine scharfe Linkskurve macht und mit zuviel Schwung auch noch einen Baum frontal rammt. Wir müssen lachen und unser Fahrer bekommt einen ziemlich roten Kopf. So, nun müssen die Kanus vom Hänger und unser gesamtes Gepäck stapelt sich auf einer sumpfigen Fläche. Wie sollen wir das bloß alles in die Boote bekommen? Aber es klappt doch, wenngleich mit etwas Mühe. Allison, unser Golden Retriever macht uns eine große Freude, indem sie mit einem Satz in einem Moortümpel landet und uns sogleich freudig darauf aufmerksam macht. Na ja, einen Vorteil hat`s ja: viel schmutziger können wir jetzt nicht mehr werden. Wir stoßen die Boote vom Ufer ab und machen uns mit diesen erst einmal vertraut. Das ist relativ leicht, weil wir uns in einer Bucht befinden, die von der Strömung verschont ist. Jetzt ist es soweit - wir gleiten sanft auf die Mitte des Flusse zu und entdecken nur wenige Meter flussabwärts die ersten, wenn auch noch recht harmlosen Stromschnellen. Diese passieren wir nicht so locker wie wir uns dies erhofft hatten, denn der Wasserstand ist sehr niedrig und so bleiben wir öfters am sehr steinigen Grund hängen, müssen teilweise sogar eine Person "aussetzen" um das Boot abzustoßen. Doch nach mehreren Grundberührungen haben wir das erste Hindernis geschafft und unsere Stimmung wird nach kurzer Anspannung recht ausgelassen, denn man muss ja über die anderen lästern - gehört sich doch so, ODER? Der nun folgende Abschnitt ist sehr ruhig und bietet die beste Gelegenheit einen der letzten unverbauten Wildflüsse und die traumhafte Natur zu genießen.

Wildes Wasser
Wildes Wasser

Aber nicht lange, denn aus der Ferne hören wir ein deutliches Rauschen und als wir sehen was jetzt auf uns zukommt, legen wir zuerst einmal an, um die richtige Fahrtroute festzulegen. Das Wasser rauscht mächtig und die großen Felsbrocken im Wasser sind auch nicht gerade vertrauenerweckend. Aber die Fahrtroute ist doch einfach zu finden, denn wir können uns genau in der Hauptströmung halten. Es geht alles gut, bis wir einen der Felsbrocken übersehen und vor diesem quergetrieben werden. Das Boot wird bedrohlich auf die Seite gedrückt, aber das Wasser schwappt glücklicherweise nicht ins Boot, sonst wäre eine Kenterung unvermeidlich gewesen. Mir bleibt nichts anderes übrig als auszusteigen, da wir trotz aller Bemühungen nicht freikommen. Als ich auf einem Stein stehe, sehe ich auch die anderen, denen es nicht viel besser ergeht - auch sie sitzen auf einem Stein fest und versuchen sich in Befreiungsschlägen. Mit viel Krafteinsatz bekommen wir die Boote wieder flott und passen ab jetzt besser auf, wie unsere Fahrrinne aussieht. Der Adrenalinspiegel ist so hoch, dass wir unterhalb der Stromschnelle am Ufer anlegen und eine Pause machen. Es gibt die typischen gekochten schwedischen Krebse. Beim anschließenden Angeln fange ich noch eine schöne Bachforelle, und damit ist zumindest die Lagerfeuerspeise am Abend gerettet. An der nächsten Stromschnelle finden wir einen wunderschönen Lagerplatz auf einer Sandbank, auf den genau unsere zwei Zelte passen. Wir sind froh eine solch schöne Stelle gefunden zu haben, da es auf der vorherigen Strecke nicht eine Möglichkeit zu campen gab. Nach dem Aufbau der Zelte, setzen wir uns ans Ufer und köcheln ganz genüsslich unser "Rentier in Rotweinsoße mit Nudeln". Bei einem solchen Duft und nach der Anstrengung der letzten Stunden freuen wir uns auf das Essen und genießen jeden Bissen - jetzt noch etwas Schokolade zum Nachtisch und wir sind alle rundum satt und zufrieden. Unser Lagerfeuer beginnt gerade zu flackern, als Wolken aufziehen und es zu nieseln beginnt - das würde ja nicht stören, wenn die Moskitos und Kribbelmücken nur nicht so penetrant wären. Doch als alte "Lappländer" lässt uns das kalt - nur Kay verzieht sich ins Zelt. Er muss halt noch lernen ... Der Himmel verwandelt sich langsam in ein kleines Feuerwerk aus roten, gelben und allen Zwischentönen. Während langsam die Nacht hereinbricht - naja, Nacht ist wohl übertrieben, liegen wir vor dem Lagerfeuer und vertilgen auch noch die Forelle aus der Alufolie. Früh am Morgen legen wir uns dann langsam zur Ruhe und genießen den erholsamen Schlaf.

Abendessen ...
Abendessen ...

Zweiter Tag

Es hält uns nicht lange in den Schlafsäcken und als wir aufstehen, blicken wir in einen grauen und verhangenen Himmel. Nicht gerade motivierend, aber auch keine Katastrophe, denn zumindest regnet es nicht. Der Kaffee und Tee duften und bei einer großen Kuksa, gefüllt mit Müsli, erwachen unsere Lebensgeister. Das Abbauen der Zelte und das wasserdichte Verpacken der Ausrüstung geht uns flott von der Hand und kurze Zeit später gleiten unsere Boote erneut in die Stromschnelle. Wellen schlagen über die Bordwand und das kratzen der Steine am Kanuboden lässt uns immer wieder aufschrecken. Doch alles geht glatt - Übung macht immer noch den "Meister". Die jetzt folgende ruhige Sel-Strecke genießen wir und lassen die Seele baumeln. Als sich auch noch die Wolken verziehen und die Sonne vom Himmel brennt ist unser Glück vollkommen. Aber ein Problem gibt es doch noch: Meine Kinder protestieren und wollen die nächsten Stromschnellen lieber am Ufer umgehen. Wir stimmen zu, denn schließlich wollen wir noch mehr mit dem Kanu unternehmen. Schnell stellen wir fest, dass unsere geringere Zuladung das Boot locker ohne Bodenkontakt durch die Stromschnellen gleiten lässt - so sind letztendlich alle zufrieden. Alle? Nein, denn die Kinder müssen auf Ihrem Weg am Ufer ein ziemlich gemeines Moor queren und das Weidengestrüpp macht ein vorankommen beinahe unmöglich - deshalb legen wir wieder an und gehen ihnen zu Fuß entgegen. Mit unserer Führung und mit einem beherzten Sprung über die Wasserflächen gelangen wir zwar schmutzig, aber glücklich zurück zu unseren Booten. Beim Angeln geht mir eine Äsche an den Spinner - nicht besonders groß, aber trotzdem eine Bereicherung für ein Lagerfeuer. An diesem Tag passieren wir noch mehrere Stromschnellen ohne Schwierigkeiten, bis von vorne ein dumpfes Grollen nichts gutes verheißen lässt. Wir legen an und besichtigen die Stromschnelle. Es gibt heftige Schwälle, Kehrwasser und Walzen. Da das Wasser insgesamt sehr flach ist, bleibt uns nur die Fahrt durch die Hauptströmung, die sehr wuchtig ist. Die Kinder steigen mit den Hunden aus und gehen am Ufer entlang während wir von der Strömung in die tosenden Fluten gerissen werden. Hohe Brecher schlagen an die Bordwand, aber wir manövrieren die Kanus gekonnt und ohne Schwierigkeiten durch das tosende Wasser. Direkt unterhalb der Schnellen legen wir am linken Ufer an und beschließen das Abendlager aufzubauen. Während das Abendessen im Topf dampft, angeln Michi und ich noch etwas in einer ruhigen Bucht und das Anglerglück ist Michael hold. Er fängt einen wunderschönen und großen Barsch. Spät am Abend erbeute ich noch einen großen und einen mittleren Hecht und so gibt es eine hemmungslose Völlerei mit "Folien-Hecht". Wie auch am vorigen Abend genießen wir auch heute den Tagesausklang bis spät in die Nacht hinein, und das flackernde Lagerfeuer spendet uns wohlige Wärme.

Ein toller Hecht ;-)
Ein toller Hecht ;-)

Dritter Tag

Wie am gestrigen Morgen ist es wieder bewölkt, aber insgesamt ist die Grundsstimmung am Himmel freundlicher als gestern. Noch ungewaschen versuche ich mich nochmals im angeln und fange einen mächtigen Hecht. Michi ist etwas enttäuscht, weil mir das Anglerglück einfach zu gut gesonnen ist, aber er hat die Tage vor der Kanutour die mit Abstand meisten und größten Äschen gefangen, die ich je in Lappland gesehen habe. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht’s wieder ans packen und wir paddeln unserem Zielpunkt, dem Campingplatz entgegen. Nach etwa zwei Stunden machen wir die obligatorische Kaffeepause und während wir unsere Getränke mit Schokolade genießen strahlt uns plötzlich die Sonne entgegen und wir müssen die warmen Pullis gegen T-Shirts tauschen. Wehmütig blicken wir zurück - die Weite der Landschaft ist einfach faszinierend. Über mehrere Stromschnellen rauschen wir schnell den Fluss hinunter bis wir Michi und Kay, die einfach schneller sind als wir, aus den Augen verlieren. Kilometerweit suchen wir das Ufer ab, können aber einfach niemanden entdecken. Schließlich finden wir nach einer sehr rasanten und schwierigen Stromschnelle, übrigens unsere vorletzte, die zwei auf einem Felsblock. Michael ruft uns zu, dass Kay sich an der Hand verletzt hat. Wir paddeln näher und als ich mir Kay`s Hand ansehe (ich bin der Medizinmann) muss ich feststellen, dass er sie heftig geprellt hat. Ein weiterpaddeln ist für ihn nicht mehr möglich, also tauschen er und meine Tochter Katharina (erst 12 Jahre jung, aber schon ganz schön fit) die Plätze und sie übernimmt die Rolle des Mitpaddlers unter Michis Führung ... Nach einer weiteren kurzen Rast geht es auf sehr ruhigem Wasser gemächlich voran, bis wir ein Tosen hören, wie wir es der Karte nach nicht mehr erwartet hätten. Glücklicherweise kommt das Brausen nicht von unserem "Vittangi" sondern vom Torneälven, der hier genau parallel zu uns verläuft. Eine letzte sehr kleine Stromschnelle bringt uns in absolut ruhiges Wasser und wir können die Hechte neben uns flüchten sehen und hören. Vor uns liegt Vittangi, das uns nach den letzten Tagen ohne Zivilisation unwirklich und befremdlich vorkommt. Plötzlich fängt es aus blauem Himmel an zu regnen - eine schon vorbeigezogene Wolke muss uns noch einige Meter vor unserem Ziel so richtig einnässen. Wir paddeln links in einen Seitenarm des Flusses, da wir sonst den Campingplatz verpassen würden und auf den Torneälv wechseln würde, in den der Vittangiälv hier mündet - ein kleiner Sandstrand lädt uns zur Landung ein und mit viel Schwung rauschen wir aufs Ufer.

Kaffeekochen
 
Abendstimmung am Lagerfeuer
Kaffeekochen und Entspannung am Lagerfeuer

Damit ist wieder einmal ein aufregendes Abenteuer in der fantastischen Natur Nordschwedens zu Ende gegangen, aber wir wissen eines ganz genau ... nächstes Jahr wollen wir noch einmal den Vittangi herunterpaddeln, aber dann starten wir schon ganz oben bei Esrange, der Raketenabschussbasis der Gemeinde Kiruna ... wir freuen uns schon darauf.

 

 
(C) 2000 by Lappland-Crew - Last updated 18.05.2004